Manuel Graf. Shulmantonioni (2004)
Digitales Video, 03'00", Farbe/Ton, Ed. 5

Anke Volkmer: Manuel Graf. Shulmantonioni.
In: Julia Stoschek Collection, Number One: Destroy, She Said.
Ed.: Julia Stoschek Foundation e.V., Düsseldorf, Hatje Catz Verlag, Ostfildern, 2008

Hauptmotiv der Kunst Manuel Grafs ist die Darstellung klassischer Ideen in zeitgenössischen Bildern. So befragt der 1978 Geborene mit Hilfe von animierten Videos in einer tour d‘horizon unsere Kulturgeschichte nach der Koexistenz von Beständigkeit und Innovation. In seinem Video SHULMANTONIONI schafft er virtuelle lnterieurs nach Fotografien von Julius Shulman, um sie dann, zusammen mit der ebenfalls digital animierten Villa aus der finalen Szene von Michelangelo Antonionis Zabriskie Point (1970), in einem Loop ebenso genüsslich wie erbarmungslos zum psychedelischen Soundtrack von Pink Floyd explodieren zu lassen. «Shulman und Antonioni bedienen sich einer verwandten Ästhetik, obwohl sie völlig verschiedene Weltbilder vertreten. Die Räume explodieren, ohne Schaden zu nehmen - ist Revolution möglich, ohne Althergebrachtes zu zerstören?«[1]‚ fragt Manuel Graf in seinem Film von 2004.

Der Architekturfotograf Shulman ist mittlerweile zu einem Fixstern unseres Popuniversums aufgestiegen. Durch seine Kamera wurden die zwischen 1945 und 1966 rund um Los Angeles errichteten Oase Study Houses, einst als visionäres low cost housing angelegt, zu Ikonen des damaligen Lebensideals. Mittels einer an die Ausleuchtung von Filmsets grenzenden Lichtdramatik erreichte Shulman eine extrem kontrastreiche Interpretation der Durchlässigkeit von Innen- und Außenraum. Diese ist auch für die auf seinen Fotografien abgebildete Architektur charakteristisch. Bis heute stehen seine Darstellungen der Häuser der kalifornischen Nachkriegsmoderne, die mit elegantem Designer-Mobiliar und lässig am Pool posierenden Mannequins ausgestattet sind, für absolute Stilsicherheit wie für das befriedigte Lebensgefühl eines kultivierten Ennuis, das seinen Nachhall in der Lounge-Kultur unserer Gegenwart findet. In Antonionis Zabriskie Point ist das Haus in der Wüste ebenfalls ein Ort, in dem nicht wirklich gelebt wird, sondern in dem Meetings abgehalten und an dem ein ganzer Komplex von Modellhäusern geplant wird.[2] Sie sind alle nur Spielzeughäuser - Simulacra -‚ bewohnt von unechten Menschen, von Doubles.[3] Auch die Detonation des Gebäudes, in deren Folge sämtliche Konsumgüter und die Spuren bildungsbürgerlicher Lektüre, die Kühlschränke und ihre tiefgefrorenen Hähnchen in die Wüstenlandschaft fliegen, ist nichts weiter als eine allegorische Wunschprojektion der Protestgeneration.

Destroy, She said präsentiert diese Arbeit im Kontext einer Serie von Werken, die sich mit Themen wie Explosion, zum Beispiel in Mathilde ter Heijnes Suicide Bomb (2000), und Zerstörung von Räumen, wie in Mark Leckeys Shades of Destructors (2005), auseinandersetzt.
Manuel Graf generiert aus diesen Materialien einen Clip stilisierter, neonbunter Bilder von geradezu orgiastischer Energie. Seine anarchische Dekonstruktion visionärer (Gedanken-)Modelle der Film-, Foto- und Baukunst des 20. Jahrhunderts sprengt die übermächtige Mystifizierung der Moderne buchstäblich in die Luft. Und dies geschieht nicht nur in formaler, sondern auch theoretischer Hinsicht. Er zeigt künstlerische Stile und Perioden als retrospektive Konstrukte. In der digitalen Übertragung in eine unterkühlte, grelle und kantige Computerbildwelt wirken die Szenen wie in die New-Wave-Ära der 1980er-Jahre rückgeführt, die in der aktuellen Alltagsästhetik ein Revival erlebt.

Manuel Grafs komplexer Ideenkosmos erschließt sich am besten im Kontext seines Werks. Auch in seinen zwei späteren digitalen Videoarbeiten befragt Graf die Formensprache der Architektur. In 1000 Jahre sind ein Tag (2005) amalgamiert Graf das Setting eines Computerspiels mit der Melancholie der Postmoderne. Während Schlagerstar Udo Jürgens 1000 Jahre sind ein Tag singt, drehen sich auf dem Schalplattenspieler ruinenhafte Architekturmodelle von antiken Tempel bis zum neuzeitlichen Bürogebäude und die psychedelische Traummaschine von Brion Gysin wirft pyramidenförmige Schatten an die Wände von Frank Lloyd Wrights «Playroom« in Oak Park. Mit der animierten Kamerafahrt über eine postmoderne Platzanlage Düsseldorfs, die an die Ego-Shooter-Perspektive von Video- spielen erinnert, schlägt er einen medialen Bogen zur Alltagskultur der Jugend.

In Grafs Zweikanalinstallation Ping Pong (ebenfalls 2005) wird deutlich, dass seine Anhäufung von Zitaten aus verschiedensten Epochen keinesfalls eine bloße Rückschau auf die Postmoderne bedeutet. Ausgangspunkt ist ein Modell des ersten Goetheanum von Rudolf Steiner, einer Vision der «beseelten‘ Architektur. Begleitet vom Stereoeffekt eines springenden Pingpong-Balls, treibt Grafs Kamerablick wie in einem Flugsimulator durch eine Animation des blasenartigen, nie realisierten Endless House von Friedrich Kiesler, das auch als reale Gipsskulptur vor der Projektionswand im Raum positioniert wird. Wie durch einen Zeittunnel schwebt man zum Modell des Arc of the World des kalifornischen Architekten Greg Lynn. Graf übersetzt Lynns biomorphe Architektur in eine imaginierte traditionelle Architektursprache und fliegt zurück durch die Zeitmaschine zu einem verjüngten Goetheanum. Grafs animierte Bilder sind neben dem computergenerierten Entwurf, der animate architecture, auch Hinweis auf den Bereich der bewegten Visualisierung in Naturwissenschaft, Design oder Didaktik. Am Ende hat die Kamerafahrt eine liegende Acht, das Symbol der Unendlichkeit, beschrieben. Zur Orgelorgie der deutschen Progressive-Rock-Band Eloy wird das Modell des Endless House vom Projektorlicht angestrahlt.
Grafs jüngste Arbeiten Über die aus der Zukunft fließende Zeit (2006) und Woher kommt die Kunst? Oder: Über die Blüte des Menschen (2007) beschäftigen sich mit der Idee von Zeit und der Frage, wie Neues in die Welt kommt.

Über die aus der Zukunft fließende Zeit beginnt mit einer abstrahierten Umsetzung von Frank Lloyd Wrights Haus Fallingwater. Der Fluss der Zeit wird durch das schematische Bild einer Brücke dargestellt. Von der einen Seite fließt die Zeit aus der Zukunft, von der anderen aus der Vergangenheit. Beide Zeitstränge treffen sich in der Mitte, wo ein Stück Gegenwart abbricht und in Olaude-Nicolas Ledoux‘ Schleusenwärterhäuschen stürzt. Kernstück der Arbeit ist ein Vortrag über die Evolutionstheorie nach Otto Heinrich Schindewolf durch Grafs ehemaligen Geschichtslehrer und heutigen Freund Ekkehard Wallat. Derzufolge verläuft die Zeit in zwei Richtungen.

Woher kommt die Kunst? Oder: Über die Blüte des Menschen greift diese Vorstellung wieder auf, um die Frage des «Wie kommt Neues in die Welt« zu erörtern. «Ausgehend von der kindlichen Frage: ‘Woher kommt die Blüte? Kommt sie aus der Pflanze selbst oder wird sie zum Beispiel durch einen Schmetterling an sie herangetragen?‘, wird eine Analogie zum Menschen entworfen“, so Manuel Graf. «Was ist die Blüte des Menschen? Und wenn es Kunst, Literatur und Musik sind, woher stammen diese ‘Blüten‘ - aus dem Menschen selbst oder eventuell doch von außen?« Die Julia Stoschek Collection besitzt neben SHULMANTONIONI, 1000 Jahre sind ein Tag und Ping Pong auch Über die aus der Zukunft fließende Zeit und damit eine umfassende Werkübersicht Manuel Grafs. AV

[1] Zitiert nach: http://www.van-horn.net/seite2.html (1, Oktober 2007).
[2] Die Problematik dieser Reihenhaus-Siedlungen als neue Stadtform wurde wenige Jahre zuvor von Dan Graham in seinem Foto-Text-Essay Homes for America (1966), einer Dokumentation und Analyse der Architektur voll Vorstädten, reflektiert.
[3] V9i. Sam Rohdie. Antonioni, London 1990, S. 145.

Anke Volkmer: Manuel Graf. Shulmantonioni. In: Julia Stoschek Collection, Number One: Destroy, She Said. Ed.: Julia Stoschek Foundation e.V., Düsseldorf, Hatje Catz Verlag, Ostfildern, 2008