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JENS ULLRICH
JENS ULLRICH Plakate 2006-2007 31 versch. Motive inkjet-prints in Künstlerrahmen 40 x 40 cm / 40 x 60 cm / 60 x 40 cm Ed. 12 + AP
Willkommende Gemeinschaft „Das Wort droht sich von dem abzulösen, was es offenbart“, schreibt Giorgio Agamben in seinem Buch „Die kommende Gemeinschaft“ (2003), das Karl Marx’ Idee von der Ausbeutung von Arbeitskraft um die Beschreibung einer Entfremdung der Sprache seitens der hierarchischen Systeme zu erweitern sucht. Vielmehr als dass Jens Ullrich in seiner 30-teiligen Bilderserie „Willkommende Gemeinschaft“ Agamben illustrierte, gabelt er die theoretischen Reflexionen des italienischen Philosophen lediglich auf, um diese mutwillig und in dialektischer Verkehrung einer ausgefeilten Prozedur zu unterziehen. Agambens ideologiekritisches experimentum linguae wird bei Ullrich mit den erlauchten Utopien der frühen historischen Avantgarden ebenso wie mit gefundenen Zeitungsfotos von zivilem Protest aus den Jahren 2005 und 2006 durchmischt. Die Fotomontagen entwerfen ein breites Spektrum an Bezügen: Gegenwärtige Praktiken der Bildpolitik stehen neben der mit Namen wie Malevitsch, El Lissitzki oder Rodchenko verbundenen Avantgarde-Tradition von abstrakter Kunst, revolutionärer Typographie und experimenteller Fotografie. Mit ihren kalligrafischen Botschaften verweisen Ullrichs Demonstranten auf die Utopien von Dada, Bauhaus, Konstruktivismus und damit an den Glauben an eine politisch und gesellschaftlich wirksame Kunst. Sie stehen aber auch in Verbindung mit einer legendären Aktion von Daniel Buren, der in Folge der 1968er Proteste so genannte mit Plakaten ausgestattete Sandwich Men mit dem von ihm als künstlerisches Werkzeug deklarierten Streifenmuster auf die Straße geschickt hat.
Die auf den Tafeln vorgetragenen geometrischen Schwarz-Weiß-Kompositionen hat Jens Ullrich individuell unter Verwendung unterschiedlichster Letraset-Buchstaben hergestellt. Die zum abstrakten Bild arrangierten Zeichen vermitteln unterschiedliche Grade an Ausdrucksqualitäten, die mit den kämpferischen, zornigen und sorgenvollen Gesichtern der auf den Fotos abgebildeten Personen korrespondieren. Bereits im Futurismus hat man Typografie als Medium des Ausdrucks und der Auslösung von Emotion gesehen, hat mit Fettdruck gesteigerte Gefühle, mit Kursivierung rasche Empfindung dargestellt. Ullrichs um ihre wörtliche Bedeutung beraubten Plakate tragen insofern nicht zu einer Sinnentleerung der politischen Botschaft, sondern zu einer Fokussierung der jeweils hinter den politischen Slogans stehenden menschlichen Haltung bei. [Unsichtbar bleiben indes die unterschiedlichen Belange der Demonstrierenden, die im Kollektiv von Gleichgesinnten für den Weltfrieden, gegen Hartz IV, für den Präsidentschaftkandidaten John Kerry oder gegen den Kosovo-Krieg in der Öffentlichkeit protestieren. ]
Bei der ersten Präsentation von „Willkommende Gemeinschaft“ in der Düsseldorfer Galerie Van Horn im Herbst 2006 waren die einzeln gerahmten Zeitungsbilder auf drei Wänden installiert, wobei diese wiederum flächendeckend mit horizontalen Stofftransparenten bedeckt waren. Mit Beschriftungen wie „No War“ oder „Atomwaffen abschaffen“, mit ihrer unterschiedlichen Farbigkeit sowie ihrer spezifischen Herkunft gaben die Transparente einen anschaulichen Hintergrund für die Fotos ab. Bei den Stoffen handelte es sich nämlich um von den Eltern des Künstlers handgearbeitete und mit Parolen beschriftete Zeugnisse einer bis heute gelebten politischen Aktivität. Behutsam lagert sich die autobiografische Erfahrung über die in den verfremdeten Zeitungsausschnitten zum Ausdruck kommende Distanz, und es entsteht eine eindringliche Manifestation menschlichen Ausdrucksvermögens in Kunst und Gesellschaft.
Doris Krystof
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