Manuel Graf
Le gai savoir
Oliver Tepel in: LIDO. Das Magazin vom KIT

Der Trendscout mahnt: "Vorsicht! Sowas geht gegen den Strich!" Und nicht nur das - Manuel Graf macht sich mit seiner Arbeitsweise auch noch angreifbar. Weniger als Provokateur, der willentlich austeilt oder aus vermeintlichen ästhetischen Mottenkisten dissidentes Material zaubert, sondern mittels Erklärungen und Fragen, welche seine Werke gestalten. Von den besonderen Qualitäten dieser Fragen wird noch zu reden sein, doch mag ein erster Blick dem Corpus delicti gelten: den Erklärungen. Wo Kunst mittels schneller Statements punktet oder ideosynkratische Gedankenwege einschlägt, befremdet die Idee eines Inhalts auf der Basis von gelerntem Wissen. Entsprechend fundamentierte Interessen, ja Obsessionen scheinen potenziell verdächtig. Was soll das? Könnte man ja gleich einen Vortrag halten. An den Kunsthochschulen der freien Künste hat der Vortrag seine letzte Nische in speziellen Gastveranstaltungen. Die Nachkriegsmoderne relativierte das Modell einer dozierenden und auf das Erlernen handwerklicher Technik ausgerichteten Ausbildung bis zu seiner Abschaffung. Es hatte keinen Bezug mehr zu aktuellen Belangen der Kunst und so gilt bis heute (nicht nur für die Kunsthochschule Düsseldorf) Norbert Krickes Dekret, daß Kunst nicht lehrbar ist. Nicht, daß dies Grafs Arbeiten entgegen stünde, da ja gerade ihre Unabhängigkeit fasziniert. Doch Video-Exkurse über die Konstruktion von Rundbögen oder Aufgliederung eines Werks in a b a' (wie in seiner aktuellsten Arbeit „Qu'est que c'est la maturité“, 2007) können ästhetische und ideologische Grenzen berühren - wo manch Betrachter Bevormundung wähnt oder der scheinbar wissenschaftlichen Perspektive misstraut, wird Indifferenz produziert. Derart verrottet das Corpus Delicti namens "Erklärung" als delicate corpse in den Archiven der (Post-)Moderne. Offenbar Unbrauchbar. Das Delikate seines Gegenstands ist Graf bewusst, nur lässt er sich nicht einreden, daß hierin kein Leben mehr sei. Stattdessen öffnen seine Video-Arbeiten Perspektiven, addieren neue Ebenen aus Musik, Skulptur, Ironie und generieren peu à peu eine assoziative Sprache. Wie sie das tun? Etwa so: In "Ping Pong" (2005) fragt Graf nach dem Organischen in der Architektur. Als in dieser Hinsicht herausragender Entwurf gilt Friedrich Kiesslers "Endless House" aus dem Jahr 1950. Ein unregelmäßiger, zellartiger Körper, modellhaft verwirklicht als stille, unwirkliche Gipsskulptur. Ihr Auftritt im Video begleitet die finale Stakkato-Attacke des tatsächlich nahezu endlosen "Land of no body" der Hannoveraner Progressiverock-Band Eloy. Was 1973 zu inneren Reisen angeregt haben mag, transformiert hier das "Endless house" zum Spaceship im dunklen All. Es erscheint als düstere Version jenes Raumschiffs aus Douglas Turnbulls "Silent running", welches untermalt von weitaus zarterer Musik, zur Bewahrung eines künstlichen Ökosystems hergerichtet wird. Weder Turnbulls Ökoschiff, noch Kiesslers "Endless house" wollen dabei menschlichem Maß gerecht werden, sie ziehen es vor, ins unendliche Nichts zu reisen. Wie passend, daß sich Eloy einst nach dem Volk "Eloi" aus H.G. Wells "Die Zeitmaschine" benannten. Denn als solch ein Apparat fungiert auch Grafs Video-Installation. Zwei weitere biomorphe Visionen: Rudolf Steiners "Goetheanum" und sehr organisch, ja esoterisch anmutende Entwürfe im Stile des Architekten Greg Lynn spannen einen Bogen von 100 Jahren und fragen nach der Genese von Ideen. Werden sie weitergetragen? Entstehen sie unabhängig immer wieder neu? Wachsen sie? Sind Ideen überhaupt als organisch zu verstehen? Während sich die Architekturmodelle vor unseren Augen drehen, weist der Ping-Pong-Takt eines Tracks vom Antipop Consortium auf eine Antwort: "It's the return" skandieren alsbald die Stimmen der New Yorker HipHopper. Ewige Wiederkehr der Ideen also? Dieses Spannungsfeld aus theoretischen Ansätzen und ihrer historischen Verwirklichung prägt auch "Qu'est ce que c'est la maturité?", diesmal verrottet sogar wirklich etwas - das Obst, welches sich zuvor selber so geschmackvoll aufgespießt hat. Eine von drei Szenen mit Vasen, bunten Maschinen und Karussellen. Sie erinnern an animierte Stop-Motion-TV-Trickfilme, welche in psychedelischer Ästhetik Sonntags morgens den Kindern der 70er die Dinge der Welt erklärten. Etwas keck scheint jener im verspielten Gestus gewonnene Freiraum den Erklärenden vor möglicher Dogmatik zu retten. Doch fungiert in "Qu'est ce que c'est la maturité?" die Erklärung eh nur als Ausgangspunkt, hinter dem das Werk ausser Kontrolle gerät, gleich so, als wolle es über seinen Schöpfer hinweg von der Dringlichkeit des Anliegens berichten. Auf der Einladungskarte zur erstmaligen Präsentation von "Qu'est ce que c'est la maturité?" (Galerie Johann König, Berlin, Februar 2008) lieferte Graf die Hinweise auf das zugrunde liegende Material: Ein Buch des postmodernen Stadtplaners Leon Krier und ein Sammelband über die Aktivitäten der britischen, Pop-Futuristischen-Architektengruppe Archigram. In der surreal-pittoresken Schönheit der Bilder und Skulpturen seiner Installation, angestrahlt von Effektleuchten, zweifelt die Installation an der Größe der Visionen, die sich eher als romantisch-modische Statements erweisen. Vielleicht, liegt darin auch ihre Qualität, doch ist das Aktionspaar: Große Geste - Kurze Wirkung, ein beunruhigendes Phänomen aktueller Kunst.
Was ist mit der Kunst? -Komisch, daß darüber so wenig geredet wird. Stattdessen spricht man wie in der Boutique: "Das hat ein bisschen von dem und etwas von jenem, aber eher reduziert, so transparent" und diese Sprache wirkt auf die Kunst zurück! Sprache als Generator von Wirklichkeit erwirkt ein stetes, machtvolles Hintergrundrauschen in Grafs Arbeiten. Wenn sie die Quellen ihrer artifiziellen Konfrontationen preisgeben, suchen sie Austausch - Echos einer mutigeren, präziseren Kommunikation.

Er: Warum hast du das getan? Sie: Methodenfrage, und du? Er: Ja, ich. Sie: Ich, lernen, sie lehren, und ich, lernen, gegen den Feind die Waffe zu wenden, mit der er uns im Grunde angreift: die Sprache. Er: Lernen, ja, alles was auch wir wollten, war lernen, um die drei "zu" zu haben Sie: Was ist das? Er: Zulesen, zuschreiben, zurechnen. Sie: Alles in allem, das ist kein lustiges Problem.

(Aus: Jean Luc Godard - Le gai savoir)

Oliver Tepel

Oliver Tepel, 2008, anlässlich der Ausstellung von „coop - Die Julia Stoschek Collection im KIT“, Düsseldorf