Manuel Graf

Thomas Hirsch in Biografph Februar 2009 - Künstler in Düsseldorf

Manuel Graf
Bilderfindungen, in Veränderung begriffen

Schon eine frühe, auf dem Rundgang in der Düsseldorfer Akademie vorgestellte Filmarbeit von Manuel Graf sorgte für Aufsehen. „Shulmantonioni“ (2004) bezog sich auf Michelangelo Antonionis Kinofilm „Zabriskie Point“ und auf die Architekturfotografien von Julius Shulman und dachte beides, miteinander verwoben, zu Ende. Zu sehen waren die 3-D Animationen realer Wohnräume und gezeigt wurde, wie die Explosion, die bei Antonioni von draußen gefilmt ist, aus der Innenperspektive stattfindet. Der Blick umkreist Mobiliar, überwindet Etagen und vermittelt ein artifizielles Gebäude mit Zitaten des Pop der sechziger Jahre, begleitet vom Sound von Pink Floyd. Unterschiedliche Haltungen stoßen aufeinander, subversiv ist die Ambivalenz zwischen schillernder Ästhetik und Aggressivität. Auch künftighin bleiben Zerstörung und Verfall in Aspekt der Arbeit von Manuel Graf, vor allem als Phänomene innerhalb historischer Entwicklungen. Er thematisiert die Evolution und rekonstruiert Zeitschritte.

Architektur und deren Theorie erweisen sich als zentrales Motiv. Die Gebäude sind in den Filmen in einer Metamorphose begriffen, gegeben etwa als zerklüfteter plastischer Körper, der von innen durchschritten wird, oder als futuristische Konstruktion, wobei Graf von tatsächlichen Bauwerken ausgeht, die weltanschauliche bzw. urbane Entwürfe repräsentieren. So zeigt er Architekturen von Rudolf Steiner, Frank Lloyd Wright, Friedrich Kiesler oder, im Video „1000 Jahre sind ein Tag“ kraftvoll untermalt vom Song von Udo Jürgens, den Bertha-von-Suttner-Platz in Düsseldorf, isoliert und menschenleer, in rasanter 360°-Fahrt komprimiert zum allansichtigen Modell fürs Reißbrett.

„Die Sabotage von Modellwelten ist stets Teil von Manuel Grafs Arbeit“, schreibt Oliver Tepel (Kat. ars viva 2008/09, S. 92). Grafs Ansatz ist der des Forschers, der sich intensiv in seinen Gegenstand vertieft und dabei noch den Zustand der Gesellschaft reflektiert. Seine Ideen handeln mit assoziativer Verknüpfung, eines führt zum nächsten. In der Fokussierung einzelner Sujets und im Zusammenwirken von Geschwindigkeit, Langsamkeit und von Sound konkurriert die Atmosphäre des Fremdartigen mit vertrauten, alltäglichen Dingen. Bei der Arbeit „Qu’est-ce que c’est la maturité?“, die im vergangenen Jahr im KIT zu sehen war, warfen Leuchten die Schatten eines Kaffeeservices, das als Fachwerkgebäude gestaltet war, an die Wand. Daneben lief der Film, in dem das Service umgebaut zu einem Gefährt das Dunkel leichthin schwebend durchquerte. Eine andere Sequenz zeigte ein Karussell mit einem Baum als Achse und Blättern und Obst unter der Krone. An den Ketten hingen Designerschuhe. Später dann, in wieder anderer Situation, fiel das Obst auf den Boden, verfaulte.

Manuel Graf wurde 1978 in Bühl nahe Baden-Baden geboren, er hat an der Düsseldorfer Akademie bei Rita McBride studiert, Filme realisiert er von Anfang an. Zunehmend stellt er die Gegenstände seiner Filme selbst her und arrangiert sie mitunter gemeinsam mit der Projektion, als Installation, die aber jeweils mit der gegebenen Situation wechselt.

In der neuesten, bei VAN HORN präsentierten Arbeit „Buchtipp“ geht Manuel Graf von dem Buch „Das sensible Chaos“ (1962) von Theodor Schwenk aus. Im Film referiert ein Erzähler die darin beschriebene Fähigkeit von Wasserströmen, im Zusammenfließen eine komplexe Form anzunehmen. Daran anschließend stellt der Film Ähnlichkeiten zum menschlichen Kehlkopf her, der – als Mittler zwischen Geist und Materie – zur liquiden Erscheinung transformiert, an Quallen wie auch an Rauch erinnert, sich noch zur langgestreckten Skulptur wandelt und sodann in den Ausdruckstanz dreier Gestalten führt... Alles folgt einer inneren Logik und präzisen Organisation, bleibt dabei anschaulich und konkret in seinen Verweisen. Zwischen Wirklichkeit und Erfindung aber entstehen Bildsequenzen von betörener Schönheit. th

Manuel Graf: Buchtipp, bis 28. Februar bei VAN HORN, Beuthstr. 14 in Düsseldorf, Tel. 5008654, www.van-horn.net.
Und: ars viva mit u.a. Manuel Graf vom 1. März bis 24. Mai im Museum Abteiberg Mönchengladbach.